Resonanzen

09. Dezember 2022

Ungenügend bis Mangelhaft

Scheitern gehört nicht zu den Qualifikationen, die wir in unserer schulischen und beruflichen Laufbahn erwerben wollen. Auch im private Bereich wollen wir lieber nicht scheitern.

Dass Scheitern schlecht ist, lernen wir schon in der Schule. Einser und Zweier sind in Ordnung, Dreier und Vierer schon bedenklich, Fünfer und Sechser zeigen eindeutig: du bist ein*e Versager*in, du hast es nicht drauf, zählst nicht zu den Gewinnern, wirst keinen Erfolg im Leben haben. Schlechte Noten sagen auch: du hast dich nicht genug angestrengt, warst faul oder du bist einfach zu dumm! Nicht allein das Scheitern ist also schlecht, sondern ich selber bin mangelhaft bis ungenügend.

"Ich leiste, also bin ich" - das lernen Kinder schon im Kindergarten, spätestens jedoch in der Grundschule, wenn es um den Wechsel in die 5. Klasse geht. Dann steht endgültig fest, wer die Gewinner sind - und die Verlierer, auch wenn das euphemistisch als differenzierte Förderung bezeichnet wird. Der Druck für die Kinder, die es auf eine "weiterführende" Schule geschafft haben, ist entsprechend hoch, v.a. wenn es ihnen nicht so leicht fällt, jederzeit wie gewünscht über die Stöckchen zu springen, die ihnen hingehalten werden. Die Abwertung derjenigen, die es nicht geschafft haben, wiegt nicht minder schwer.

Unser Leistungsbegriff ist dabei sehr eng gefasst: Erfülle die an dich gestellten Erwartungen auf dem vorgegebenen Weg in der vorgegebenen Zeit. Umwege und Alternativen sind nicht vorgesehen. Gewinner ist, wer die wenigsten Fehler macht, die zur Abschreckung auch noch rot markiert werden, egal wie unbedeutend sie sind. Achtung! So nicht! Mach ja keine Fehler!
Und so kommt es, dass nicht nur junge Erwachsene sondern auch hoch qualifizierte, erfahrene und kompetente Frauen und Männer viele Jahre später immer noch das Gefühl haben, nicht gut genug zu sein. Sie machen eine Ausbildung nach der anderen, bilden sich weiter, erwerben Zertifikate und haben doch immer das Gefühl, nicht fertig zu sein, nicht kompetent genug, zu mangelhaft.

Was wäre, wenn wir den Fehler, den Makel, die Lücke nicht verteufeln, sondern wertschätzen, ja als notwendig betrachten würden, wenn Fehler erwünscht wären?

Ja, ich weiß, es gibt Bereiche, wo es keine Fehler geben sollte und sie fatale Wirkung haben. Nur: wir verhalten uns so, als ob das Leben an sich keine Fehler haben dürfte. Wurde uns nicht oft genug gesagt: Nicht für die Schule lernen wir...? Warum also dürfen wir schon in der Schule - aber später auch im Leben und im Beruf - keine Fehler machen?

Was wäre, wenn wir uns trauen würden, weniger makellos zu sein, weniger perfekt, wenn es ok wäre zu sagen: Das weiß ich (noch) nicht. das kann ich so nicht. Das hat nicht geklappt. Da habe ich mich geirrt. Das war ein Fehler - ja, ein Fehler! Oder: Das ist nicht mein Weg. Und wenn wir trotz oder gerade wegen unseres Scheiterns geschätzt würden. Vielleicht kann daraus die Kraft entstehen, aufzustehen und weiter zu gehen, den Fehler als Entwicklungsschritt zu sehen, der gut war und sein darf, weil ich nur so herausfinden kann, welcher Weg mein Weg ist.

Dann könnten wir Unterschiede nicht nur gelten lassen, sondern die Menschen - auch die Mitarbeiter*innen, Kolleg*innen, Chef*innen und vor allem die Kinder - in ihrer Vielfalt und mit ihren individuellen Eigenschaften wertschätzen, nicht nur ihre Noten, Abschlüsse und Zertifikate.

Mangelhaft wäre dann fabelhaft!

1. Dezember 2022

Was ist mir wichtig?

Ist das nicht die Frage, an der sich fast alle Konflikte entzünden, auch Konflikte mit mir selbst? Oft stellen wir uns diese Frage nicht bewusst und doch beeinflusst sie unser Denken und Handeln permanent, ist sie der Kompass für unsere Entscheidungen, so etwas wie ein inneres Magnetfeld für unser Leben. Sie stellt sich in allen Bereichen meines Lebens, ob im Beruf, meinen Beziehungen oder bei der Gestaltung meines Alltags. Ich entscheide mit diesem Kompass, mit welchen Menschen ich mich umgebe und wie ich mich ihnen gegenüber verhalte, wie ich meinen Alltag gestalte und womit ich meine Zeit verbringe.
Doch manchmal verlieren wir die Orientierung, gibt es eine Störung im Magnetfeld, dreht sich die Kompassnadel wild im Kreis und ich kann die Richtung nicht mehr erkennen: Ich sage etwas, das ich so nicht meine und verletze einen Menschen, den ich gern habe. Ich treffe Entscheidungen, die für mich oder andere Nachteile bringen oder sogar schädlich sind. Ich halte Dinge für wichtig, die es eigentlich nicht sind, schenke ihnen Zeit, Aufmerksamkeit und Ressourcen. Oder ich lebe vielleicht sogar ein Leben, spiele eine Rolle, die mir nicht entspricht.
In diesen Momenten kann es helfen, eine Pause zu machen, zur Ruhe zu kommen und mich neu auszurichten an dem, was mir wichtig ist - wirklich wichtig - und das andere loszulassen. Dann verblassen die vielen scheinbar wichtigen Dinge, die mich im Hamsterrad laufen lassen, verlieren an Bedeutung und Macht über mich und mein Leben. Das Magnetfeld kann sich ausspannen, ich kann mich, meine Bedürfnisse und Werte wieder spüren. Und das ist wirklich wichtig!

08. Oktober 2022

"Erntedank"

"Wenn der Krieg vorbei ist, musst du uns in Odessa besuchen! Dann baden wir im schwarzen Meer." Diese Einladung haben meine neuen ukrainischen Freunde schon in der Zeit ausgesprochen, als die russische Armee täglich neue Landgewinne machte. Aktuell sieht es für die Ukraine besser aus, aber die Situation ist angesichts dieser Tatsache so angespannt wie sie es seit der Kuba-Krise nicht mehr war. Die Bedrohung durch einen Atomschlag steht in knallroten Lettern an der Wand. Dass die Folgen für die Welt verheerend sein werden, ist bekannt. Es kann nur Verlierer geben. Offenbar verdrängen jedoch die Männer an der Schaltknöpfen der Macht diese Tatsache, stehen Hass und Gewalt im Vordergrund.

All das bietet wenig Anlass zur Dankbarkeit, lässt all die Bemühungen um Frieden, Demokratie und Völkerverständigung so vieler Menschen als nichtig erscheinen.

Und trotzdem stehlen sich Gedanken an das "danach" in mein Bewusstsein, an Möglichkeiten des Wiederaufbaus, an eine Zukunft mit Osteuropa, das durch diesen Krieg ganz neu in unser Bewusstsein gedrungen ist. Da ist auch Dankbarkeit für die Begegnung mit Menschen aus Osteuropa: jüngst aus der Ukraine, aber auch aus Polen/Breslau, der ehemaligen Heimat meiner Eltern, aus Ungarn/Budapest, aus Tschechien/Prag. Und ja, auch Russland gehört in diesen Kreis, braucht eine neue Chance nach diesem Albtraum, so wie wir Deutschen sie 1989/90 bekommen haben.
Es ist für mich heute noch immer ein Wunder, dass Deutschland und Europa dieses Geschenk der Wiedervereinigung ohne Waffengewalt bekommen haben, allein durch den unbändigen Wunsch der Menschen in Ostdeutschland nach Freiheit. Sie lohnen sich also - all die kleinen Schritte und Gesten der Versöhnung. Sie schenken Zuversicht und bauen den Frieden. Danke!

28. September 2022

Wie nutze ich meine Zeit?

In diesen Tagen erhalte ich häufig die Antwort: "Tut mir leid, aber wir sind gerade total überlastet!" Eine Ursache dafür sind immer noch Corona-bedingte Krankheitsausfälle, Personalmangel oder aktuelle Herausforderungen, wie z.B. an den Schulen die Notwendigkeit, ukrainische Kinder zu integrieren. Oft sind es aber auch schlechte Organisation, redundante Arbeitsabläufe, mangelnde Kommunikation und die Überforderung, die aus all dem entsteht. Und das betrifft nur den Bereich der Arbeit - es gibt auch noch Familie und Freundeskreis, Freizeitaktivitäten oder gesellschaftliches Engagement. Viele Menschen gehen bis über die Belastungsgrenze, tun ihr Bestes und es reicht dennoch nicht.

Wie nutze ich meine Zeit?

Die Frage enthält auch eine Wertung? Ich kann meine Zeit nutzen oder vergeuden, sie mit den falschen Dingen füllen, nicht effektiv sein, trödeln oder - noch schlimmer - faul sein. Wer bestimmt, ob ich meine Zeit "genutzt" oder vergeudet habe? Kann ich überhaupt über meine Zeit bestimmen? Diktieren nicht andere, wie ich meine Zeit zu nutzen habe und ich muss meine Bedürfnisse dem unterordnen? Wie kann ich diesem Zwang entkommen, das Hamsterrad verlassen? Und: ist es die Entscheidung darüber was ich tue oder nicht vielmehr wie ich es tue?

Was nimmt in meinem Leben Raum ein? Wem gebe ich in meinem Leben Raum? Und was möchte ich? Was er-füllt mein Leben? Wofür nehme ich mir Zeit? Wem schenke ich meine Zeit?